Das Innovations-Dilemma

Das Innovations-Dilemma (Bild: Reimund Bertrams/pixabay.com)
Das Innovations-Dilemma (Bild: Reimund Bertrams/pixabay.com)

Wieso bei uns in Europa keine echte Innovation mehr stattfinden kann (Und warum wir daher untergehen werden)

Uns geht es gut. Viele Risiken des Lebens werden durch Gesetze und Verordnungen oder Versicherungen reduziert oder zumindest abgemildert. Selbst um eine Pandemie kümmert sich der Staat. Es geht nicht mehr darum, ob wir überleben, sondern es gilt zu verhindern, dass es einer anderen Gruppe besser geht als uns selbst.

Ob es so auch vor gut 1500 Jahren beim Untergang des römischen Reiches war, das wir aus heutiger Sicht als dekadent bezeichnen, oder ob dies einfach nur der normale Gang der Transformation ist: das werden erst unsere Kinder wissen.

Innovation ist verkommen zu schneller, besser, größer

Wenn wir Dinge verändern wollen, brauchen wir Innovation. Aber Innovation ist heute faktisch nicht mehr durch einen einzelnen, herausragenden Menschen möglich. Innovation bedeutet heute vor allem: schneller, besser und größer!

Alles wird von Wirtschaft durchzogen und in die Wirtschaft hineingezogen: Politik ebenso wie Forschung mit ihrem Kampf um Drittmittel oder unser Gesundheitssystem.

Neben dem Euro und dem Dollar gibt es in unserer Wirtschaft aber noch eine andere Währung, die uns das Internet mit seinen Social Media Plattformen wie Twitter und Facebook beschert hat: Aufmerksamkeit!

Diese beiden Währungen der Wirtschaftssysteme – Geld und Aufmerksamkeit – führen zu einer Welt, in der es vor allem um schneller, besser und größer geht.

Und gegen dieses Ver-Wirtschaftlichung aller Bereiche kämpfen wir mit Gesetzen, Verordnungen und Steuern. Wir schaffen immer komplexere Umverteilungs-Prozesse für Länder (EU) und Gesellschaften. Wir führen mit atemberaubender Geschwindigkeit neue Regeln zum Schutz für Verbraucher ein, für eine immer sozialere Wirtschaft.

Mit Compliance-Systemen wollen wir ethisches Verhalten in das Wirtschaftssystem bringen und fördern doch letztlich nur Verantwortungslosigkeit. Und all diese Entwicklungen sind grundsätzlich gut, denn sie sind das bisher einzige Konzept, um über mehrere Jahrzehnte hinweg Frieden UND sozialen Frieden in Gesellschaften zu etablieren und aufrecht zu erhalten.

Echte Innovation geht nur mit weniger Regeln

Und diese Regeln erschweren oder verhindern Innovation. Das ist so, und das können wir durch „innovative“ neue Regeln nicht verbessern, sondern nur noch verschlimmern.

Wenn wir heute Innovation wollen, dann brauchen wir weniger Regeln!

Wir benötigen wieder mehr Menschen, die Veränderung und Innovation wirklich wollen.

Echte Innovation entsteht durch ungeteilte Energie und Fokus. Die Zeiten, in denen ein Ingenieur mit Nächtelangem allein Tüfteln eine Branche verändern konnte, sind vorbei. Heute geht es um integrale Innovation aus Technologie, Software, Daten, Markt und Geschäftsmodell. Und zwischen all diese verschiedenen Bereiche haben wir inzwischen eine Vielzahl von Regeln gestellt, um die wirtschaftlichen Aktivitäten zu zügeln und Menschen vor sich selbst und vor Technologie zu schützen.

Wir sind zu satt

Work Live Balance als Dogma und gesellschaftlicher Zwang zwingt uns alle zum Mittelmaß. Workaholic als Begriff der 90er und Anfang der 2000er Jahre hat verrückte Einzelne beschrieben, die vielleicht sogar rücksichtslos mit ihrem eigenen Körper und auch mit anderen umgegangen sind. Aber dennoch war in dem Begriff nichts Verachtendes, sondern bei allem Anders-Sein durchaus auch etwas Anerkennendes zu spüren.

Das ist heute bei dem Mantra nach Work-Life Balance anders: Energie-geladene Menschen werden heute gesellschaftlich geächtet. Selbst bei vielen Gründern und Startups geht es heute nicht mehr vor allem um ihr Projekt und ihre Idee, sondern auch um Freizeit und Zerstreuung. Das Problem ist die gesellschaftlich verordnete Trennung von Arbeit und Freizeit.

Wo können sich Innovations-Begeisterte heute öffentlich begegnen, austauschen und gemeinsam Dinge vorantreiben – ohne gesellschaftlich geächtet zu werden? Und wie können diese Menschen dann wirklich etwas bewegen, ohne von Behörden, Vorschriften oder Regeln gebremst zu werden?

Also brauchen wir den staatlichen Willen und Sonderzonen?

Mit wirtschaftlichen Sonderzonen haben schon viele Länder und Regierungen Impulse für ihre Länder gesetzt: Vor mehr als 100 Jahren Hongkong, vor 50 Jahren die Iren mit der Ansiedlung von Technologie-Unternehmen, oder vor 30 Jahren Dubai mit den verschiedenen Branchen-Sonderzonen.

Diese wirtschaftlichen Sonderzonen sind meist als Freihandels-Zonen konzipiert. Sie sollten also über steuerliche Anreize die Wirtschaft stimulieren.

Es gibt aber auch andere Sonderzonen, die einen gesellschaftlichen oder politischen Hintergrund haben: Letztlich sind die gesamten USA eine Sonderzone, in der sich Aussiedler angesiedelt haben, deren Lebensbedingungen im Heimatland so schlecht waren, dass sie sich auf den Weg gemacht haben neue Welten zu entdecken und alte Regeln und Verbindungen hinter sich gelassen haben. Aber auch Singapur und Taiwan sind Versuche, mit neuen Regeln innovative Gesellschaften aufzubauen.

Das umfassendste Experiment ist Shenzhen: in 40 Jahren hat sich diese Stadt von einer 30.000 Einwohner Siedlung zu einer pulsierenden 12 Millionen Stadt entwickelt. Ab und zu mit dem Wohlwollen staatlicher Lenkung, aber in Bezug auf die Legislative auch gegen den Widerstand der Kommunistischen Partei. Shenzhen ist vor allem das gelungenste Beispiel für eine integrale Entwicklung durch technologische Innovation, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftlichen Willen.

Nachmachen und verwalten reicht nicht

EU-Förderung, die beantragte Gelder verteilt, schafft keine erfolgreichen innovativen Gesellschaften von morgen.

Wirtschaftlicher Stimulus allein ist in der heutigen Zeit nicht genug. Und auch Startup- und technische Innovations-Förderung reicht nicht mehr!

In einer Welt, in der wirkliche Innovation nur noch sektorübergreifend und integral erfolgen kann, erzielen die alten Konzepte keine Wirkung mehr. Geld in Form von Wagniskapital allein bewirken nichts mehr, ebenso wenig wie steuerliche Anreize. Exzellente Technologie-Forschung wie an den Universitäten in Aachen oder München sind nicht mehr genug.

Es kann nicht gesellschaftlich sinnvoll sein, dass wir uns aus all den Regeln zum Schutz des Individuums einen Schutzpanzer vor Veränderung und Innovation aufbauen.

Wir sind so stolz auf unsere Denker wie Hegel oder Goethe und unsere Unternehmer wie Siemens oder Bosch. Aber wir legen den freiheitsliebenden Willen all dieser Denker und Macher heute lieber in Ketten und beschränken ihn mit Regeln.

Selbst unsere Forschung haben wir durch die zu enge Kopplung an Unternehmen industrialisiert und in Exzellenten Regel-Druck gepresst, der dem nächsten Drittmittel oder der nächsten Veröffentlichung hinterherläuft.

Wir brauchen Regel-arme Innovations-Sonderzonen

Wenn wir wirkliche Innovation nach vorne bringen wollen, dann benötigen wir Innovations-Zonen, in denen andere Spielregeln, Vorschriften und vielleicht sogar Gesetze gelten. In diesen Zonen dürfen sich Innovatoren und die „Verrückten“ dieser Welt nicht mehr verstecken müssen. Hier müssen für Anbieter und auch für Verbraucher andere und vor allem weniger Regeln gelten, damit wir nicht an unseren eigenen Regeln der Vernunft ersticken.

Nur so können wir Autonomes Fahren, vernetztes Einkaufen in einer kombinierten Online/Offline-Welt, neue Bürger-Services und die neuen Möglichkeiten der integrativen Gesundheit wirklich ausprobieren.

Ob diese Innovations-Zonen tatsächlich räumliche Zonen sind, oder vielleicht sogar virtuelle Rechtsräume, in denen andere Regeln gelten und Dinge ausprobiert werden: Darüber müssen wir diskutieren.

Wenn as a Service- Modelle und Plattformen in Innovations-Zonen anders agieren dürfen, könnten wir die Produkte und Services von räumlichen Innovations-Zonen sogar in unsere anderen Wirtschaftsräume hinein wirken lassen.

Neben dem wichtigsten wirklich neuen Baustein in solchen Innovations-Zonen, der Möglichkeit neue Vorschriften und Gesetze auszuprobieren, brauchen wir vor allem eine integrative und sektorübergreifende Steuerung für solche Zonen: Eine einheitliche Sicht auf Innovation durch die Einbindung von Forschung, Bildung, Kapital und Märkten.

Ich würde jedenfalls gerne in einer Gemeinschaft mit weniger Regeln und mehr Freiheit leben wollen. Aber ich weiß, dass ich das nicht von allen meinen Mitmenschen erwarten kann und darf. Aber vielleicht können wir ja von unseren Politikern fordern, dass sie mit uns anstatt über Freihandels-Zonen (FTA) in Zukunft über „Regel-arme Innovations-Zonen“ oder „low-rules innovation areas“ diskutieren?!

Dafür brauchen wir innovative Politiker und Lobbyisten mit Weitblick, die das Gegenteil von dem tun, was die Mehrheit von ihnen erwartet

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